Waldorf-Bauernhof

Die Liste all der Dinge, die ich stricken möchte, reicht von hier bis nach Norwegen (ungefähr). So viele Pullover und Jacken, die ich gerne hätte, Techniken oder Konstruktionen, die ich gerne probieren würde, Knäuel und Stränge, die auf mich warten. Jeden Tag habe ich die Nadeln in der Hand und doch wird die Liste nicht kürzer.

Weil ich zwischendurch immer wieder für andere stricke, weil ich ein- und dasselbe Modell mehrfach stricke oder weil ich über Anleitungen stolpere, die sofort dieses Gefühl von „haben wollen“ hervorrufen. Und die drängeln sich sofort auf Platz 1 meiner Liste.

So zuletzt geschehen beim Waldorf Bauernhof.

So eine Bauernhof-Welle hatte ich schonmal. Damals habe ich Schafe und Pferdeherden gestrickt. Das war 2013. Der (englische) Blogpost ist so alt, dass die Bilder irgendwo auf der Strecke geblieben sind. So schade! Aber eins der kleinen Pferde ist noch hier. Nach all den Jahren ist es unverändert ohne Mähne und ohne Ohren. Es sieht ein bißchen mitgenommen aus.

Nun also Schweine, vielleicht auch einen Esel. Die kleinen Tiere hat Ruth Bronsema für einen Waldorf-Kindergarten entworfen und in einem (kostenfreien!) eBook „Wir stricken einen Bauernhof“ veröffentlicht.* Sie sind nach Schwierigkeitsgrad sortiert. Den Anfang macht die Ente, dann kommt die Gans, gefolgt von Hahn und Hühnern. Es gibt Hasen, Katzen und kleine Schafe, Tauben, Schweine, Pferde und Esel. Einen Fuchs (was immer der auf dem Bauernhof macht), einen Hund und einen Storch. Kein Bauernhof ohne Kuh und dann ist da noch die Bauernfamilie.

Es lohnt sich wirklich, alle Anleitungen einmal anzusehen. Sie sind einerseits so klar und einfach, andererseits so detailliert und jedes mit eigenem Charakter. Eigentlich werden sie mit Schafwolle gestopft (Waldorf-Kindergarten eben 😉), aber abgesehen davon, dass ich keine habe, mag ich auch den Geruch nicht (so) gerne … Also nehme ich Wollreste, diese abgeschnittenen kleinen Enden, die nach dem Vernähen übrig bleiben (bitte sagt, dass Ihr die auch aufhebt 🙈). Sie sind schwerer als Füllwatte, die Tiere stehen damit stabiler und halten die Form länger.

Jedes ist schnell gestrickt – viel schneller, als das anschließende Zusammennähen dauert. Deshalb wird es wohl auch kein Bauernhof, sondern wiedermal nur eine Handvoll Tiere, ehe ich dann, zusammen mit Andrea, eine Gans stricken werde!

Eine richtige, große Gans! Das haben wir lange geplant und hätte ich nicht die Kinderjacke zweimal gestrickt, wäre mir nicht der Bauernhof dazwischen gekommen, wäre ich schon dabei.

Nur noch einen Esel … Also vielleicht …

 

* Vielleicht war es nicht Ruth Bronsema, sondern Freya Jaffke, die die Idee zu den Tieren hatte. Nic hat mir geschrieben, dass sie sie vor langer Zeit in einem Heft aus 1973 gefunden und nachgestrickt hat:  Jaffke, Freya. Arbeitsmaterial aus den Waldorfkindergärten. Heft 1, Stuggart: Verlag Freies Geistesleben, 1973

Authentisch

Authentisch – das ist eins der Worte, bei denen ich mir nie sicher bin, ob ich es richtig schreibe. Vielleicht wegen des „th“ in der Mitte. Eben bin ich wieder daran hängen geblieben und habe daraufhin mal nachgesehen, woher das Wort eigentlich stammt und ob seine Bedeutung immer die gleiche war.

Und – siehe da – war sie nicht.

In der Antike wurde authentisch nur für Dokumente verwendet, die als Original galten. Im Mittelalter stand es eher für „beglaubigt und nicht gefälscht“ und wurde entsprechend bei offiziellen Dokumenten oder religiösen Texten genutzt. In der Neuzeit konnten dann auch Kunstwerke, historische Gegenstände oder Traditionen authentisch sein und heute ist der Begriff noch mal weiter gefasst: Verhalten, wenn es zu den eigenen Werten oder Gefühlen passt, zum Beispiel. Und dann gibt es authentische Menschen – die gelten als natürlich, unverstellt, ehrlich.

Fand ich spannend!

Wenn ich also in meinem Blog stärker auf Authentizität achten würde, würde sich dann der Inhalt verändern oder vielmehr nur die Haltung, aus der heraus ich schreibe? Denn authentisch zu schreiben bedeutet ja nicht, alles preiszugeben oder jeden Gedanken ungefiltert zu veröffentlichen. Es bedeutet eher, dass das, was ich teile, wirklich meiner eigenen Perspektive entspricht.

So gesehen, ist das hier dann doch ziemlich authentisch.

Ganz authentisch ist, dass ich aktuell mit einer Kinderjacke hadere: Dahlia Barn. Ein kleines Mädchen soll sie tragen, wenn es bei der Hochzeit seiner Tante Blumen streut. Und plötzlich ist da immenser Druck. ALLE werden das Kind sehen und ALLE seine Jacke.

Das Maschenbild ist nicht so schön (wie es sein könnte), die Wolle vielleicht doch zu dünn, die Jacke sicherlich zu klein bis zur Hochzeit … Bekloppt! „Wenige Menschen haben ein so geschultes Maschen-Auge“ hat mir eine Strickfreundin geschrieben, der ich ein Bild geschickt habe und dass die Jacke sicher passen wird, wenn ich mich an die Maße gehalten habe (habe ich).

Sie hat Recht. Und doch …

Ich stricke sicherheitshalber eine zweite. Andere Wolle, dickere Nadeln, mehr Konzentration. Wunderbares Maschenbild, am Ende auch bißchen größer, aber wahrscheinlich zu warm und zu schwer für den Sommer.

Authentischer kann man wohl kaum beschreiben, was im Kopf strickender Menschen vorgeht … 🙃.

 

 

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Olga-Sweater (PetiteKnit)

Eine vierte Olga und ziemlich sicher auch die letzte. Wer hätte das gedacht!

Letztes Jahr habe ich meine erste Olga gestrickt (lange Geschichte) im Februar dann eine zweite: grün geringelt und aus Lettlopi. Die habe ich anfänglich sehr gerne und oft getragen, habe aber mittlerweile das Gefühl, dass mir das alles zu weit und zu groß ist. Zu kastig, zu viel Wolle. Auch wenn es einer der Pullover ist, auf die ich immer wieder angesprochen werde. Bisschen weniger Weite wäre bequemer.

Nachdem hier noch ausreichend rosa und natur lag, habe ich also dieses Jahr Anfang Februar erneut angeschlagen: M statt L und zuversichtlich, dass das dann schon werden würde.

Bis es so aussah, als ob die Wolle nicht reicht (…), und dass (wenn doch) der Unterschied beider Pullover marginal sein würde: 6 cm im Umfang, 4 cm am Oberarm. Seither stagnierte mein Werk …

Letztlich habe ich also (mal wieder) entschieden, zu ribbeln. Eine andere Anleitung für einen ebenfalls geringelten Pullover lag hier schon. Nur … so ganz entschieden war das wohl doch nicht … Wäre es Andrea sonst so mühelos gelungen, mich am letzten Wintertag mit guten Argumenten („ich finde die Farben schön“ und „sind schon ziemliche Säcke, die PetitKnit da macht“ 😉) zu überzeugen, weiter zu stricken?

Das mache ich seither.

Mittlerweile ist mein rosa „Sack“ fast fertig. Drei himbeerfarbene Ringel im einen Ärmel, drei mittelgraue im anderen. Mittelgrau auch am Körper. Der Kragen von innen weiß. Hätte es vielleicht alles nicht gebraucht, denn wie durch Zauberhand scheint die Wolle nun doch zu reichen. Macht aber nichts. Ich ziehe durch!

Ringel mal anders.

Noch ein halber Ärmel, dann waschen und spannen. Seit gestern ist draußen Frühling. Könnte also sein, dass die rosa Olga nach dem Trocknen erstmal in einen tiefen Sommerschlaf fällt. Aber das Gute ist ja: irgendwann wird wieder Wollewetter. Dann wird sie bereit sein.

Die beiden anderen – die eine blau-rot geringelt die andere in den Farben des Regenbogens – werden in Freiburg und Berlin von Freundinnen getragen und geliebt. Immermal wieder denke ich, die Freude darüber ist tatsächlich schöner, als das Tragen einer eigenen Olga.

Könnte also sein, dass auch die rosa Olga hier nicht bleibt.

 

Oma Hobbys

Fällt außer mir jemandem auf, wie oft zur Zeit über „Oma Hobbys“ (gerne auch synonym verwendet mit „uncoole Hobbys“) geschrieben und berichtet wird?

Ich kann Euch gar nicht sagen, wie mich das anstrengt: unqualifizierte, oberflächliche und historisch unpräzise Aussagen zur Arbeit mit Wolle. Was da zwischen Ironie, Herablassung und vermeintlicher Trendanalyse schwankt, offenbart doch vor allem eines: ein erstaunlich stabiles Klischee.

Deshalb ein kleiner Ausflug in die Historie des Strickens und – wo ich schonmal dabei bin – auch eine Einordnung:

Während und nach dem zweiten Weltkrieg war Stricken nicht in erster Linie Idylle, sondern Notwendigkeit. Wer warm bleiben wollte ,strickte und stopfte. Kleidung war teuer, Material knapp – also entstand Wert durch Können, nicht durch Kaufkraft.

Mit dem Wirtschaftswunder kippte das. Plötzlich galt nicht mehr das Selbstgemachte als Wert, sondern das Gekaufte als Fortschritt. Handarbeit verlor ihren Status, weil Konsum ihn ersetzte. Was vorher Kompetenz war, wurde nun als Mangel an Modernität gelesen.

In den 1970er Jahren verschärfte sich die Abwertung: Handarbeit galt als Symbol der alten Geschlechterordnung – Kinder, Küche, Kirche. Kritisiert wurde also nicht die Tätigkeit an sich, sondern die damit verknüpfte soziale Rolle (was in Folge dann eben doch dazu führte, dass handwerkliche Fertigkeiten abgewertet wurden).

Spätestens in den 1990ern war die „strickende Oma“ zur popkulturellen Figur geschrumpft: nett, harmlos, etwas schrullig – und vor allem nicht ernst zu nehmen. Aus Erfahrung wurde Folklore, aus Können Nostalgie.

In den letzten Jahren ist Stricken plötzlich wieder angesagt – handmade statt Fast Fashion, slow living statt ständiger Beschleunigung. Ironischerweise wird nun also genau das wiederentdeckt, was so lange belächelt wurde: handwerkliches Wissen, Geduld, Nachhaltigkeit und Selbstbestimmung.

Nur gilt das leider nicht für alle.

Strickende Olympioniken? – Mein Instagram-Feed ist voll davon!

Strickende junge Frauen? – Total angesagt!

Strickende Männer egal welchen Alters? – Wie ungewöhnlich!

Strickende Frauen jenseits der 40? – Oma mit Hobby …

Da meint man doch, beim Stricken zählt nicht Können, sondern Alter und Geschlecht. Immer noch werden Frauen über ihr Alter, also über eine Zahl, definiert. Und wenn diese Zahl steigt, werden sie abgewertet.

Ich bin keine Oma mit Hobby! So wenig wie Stricken ein „Oma Hobby“ ist. Die Arbeit mit Wolle ist Handwerk, gelegentlich eine Protestform, oft Kunst! Egal, wer die Nadeln in der Hand hat! Ich würde sogar behaupten. wie bei den meisten Dingen nimmt die Erfahrung zu, je länger man dabei ist. Wer stricken kann, kann zaubern. Zeit, Wissen und Erfahrung verwandeln ein Fädchen in ein perfektes Einzelteil.

Sogar Socken.

Die Socken im Bild sind übrigens für’s Kind. Größe 47 und in den Farben des Lieblingsvereins. Goat hat er mich dafür genannt. Für alle, die in der Sportsprache nicht so bewandert sind: goat steht für greatest of all time und ich hab’s gerne genommen. Weil so viel Freude mitschwang, sowas wie „wow“ und Dank. Ganz anders als in „Oma Hobby“.

 

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Die kleine Raupe Nimmersatt

Es gibt Pullover, für die brauche ich eine Woche. Vielleicht zwei. Mehr nicht. Nicht, weil ich super schnell bin, sondern weil die Wolle dick und die Anleitung vorgegeben ist. Wie sagt Andrea immer? „Strick doch einfach, was da steht.“ Genau das mache ich. Nicht nachdenken, nicht rechnen. Nur stricken.

Gerade erst habe ich einen Olga Sweater angefangen (den vierten – I knooow) und bin ziemlich sicher, dass ich ihn diesen Winter noch tragen werde. Ich kenne die Anleitung, die Wolle lag hier, Streifen gehen eh schneller als einfarbig. Alles easy.

Dann gibt es aber auch andere Dinge – im konkreten Fall ein Schal – , an denen arbeite ich über drei Monate. Gleiche Maschenzahl von Anfang bis Ende, kein Hexenwerk, aber eben auch keine Anleitung. Da halten sich dann stricken und ribbeln, bzw. sticken und aufziehen die Waage.

Aber von Anfang an:

Meine Freundin liebt die kleine Raupe. Deshalb habe ich ihr vor einiger Zeit schon Raupen-Socken gestrickt. Auch die ohne Anleitung, aber mit genug Sockenwolle und genug Ideen (und tatsächlich nie verbloggt, kann das sein?!).

Sie hat sich total gefreut, trägt und liebt die Socken.

Deshalb jetzt also noch eine Raupe. Dem vorausgegangen war das Bild eines Schals, den ich auf Instagram gesehen, nicht geliked und (Überraschung) nie mehr wieder gefunden habe. Dann hat mir meine Nichte einen anderen Schal gezeigt, der ihr aufgefallen war. Da hatte die Raupe an einem Schal-Ende den Kopf und am anderen eine Art integrierten Beutel, in dem gehäkeltes Obst versteckt war. Beide Schals super originell, aber beide nicht das, was ich wollte. Ich wollte ein „Sophie Schal Äquivalent“. Einen kleinen Schal, der fix umgebunden ist und den Nacken wärmt.

Natürlich hatte ich nicht ein einziges Knäuel in der richtigen Farbe … Geholfen hat – wie so oft – Liljedal Verkhus und so waren die Ringel schnell gestrickt. Im Rippenmuster für mehr Haptik.

Dann kam der Kopf. Auch der im gleichen Rippenmuster, einfach, weil’s dann besser aussieht. Viel zu spät habe ich erkannt, dass das Aufsticken der Augen damit (für mich, weil Perfektionistin) unmöglich wurde. Aber italienisch angeschlagen und abgekettet. Nur das Beste für Raupe und Freundin 😉

Nach dem Kopf die Füße. Vorne vier, hinten zwei (warum eigentlich? Weiß das jemand?). Wie so oft war der Mann schärfster (und deshalb bester) Kritiker meines Werks … Jedes Raupendetail hat er mit mir überlegt, bedacht, und deshalb die (anfangs zu) langen Beine moniert. Er hatte Recht.

Kompliziert waren dann tatsächlich die kleinen gelben Haare auf dem Rücken der Raupe. Setae heißen sie, habe ich gelernt. Gefunden habe ich letztendlich bei La Laine ein ziemlich flusiges Garn von LanaGrossa mit einem Farbverlauf von Zitrone nach Dotter. Ein Einzelstück – manchmal hat man eben Glück! Oder eine Freundin, die schubst, wenn nötig …

Damit habe ich einmal Kettmaschen über den Raupenrücken gehäkelt. Anfangs sah das nach nichts aus, aber je öfter ich den Schal in der Hand hatte, um daran zu arbeiten, umso deutlicher entstand der „Halo“, den ich haben wollte.

Schließlich habe ich vom 20. Januar bis zum 2. Februar gehäkelt, geflucht, gestickt, gehadert, um der kleinen Raupe ein Gesicht zu geben. Klappte alles nicht. Geworden ist es am Ende eine gestrickte grüne Pupille, eingefasst von gehäkelter gelber Regenbogenhaut. Die fertigen Augen sind aufgenäht. Die Nase ist eine Noppe und die Fühler sind ein iCord, bei dem ich auf halber Strecke Maschen zugenommen habe.

Und so sah sie dann aus:

Fehlt noch was? Ich glaube nicht.

Also habe ich die fertige Raupe in Seidenpapier gepackt, in eine kleine, flache Kiste gelegt und losgeschickt. Natürlich kam es erst zu Lieferverzögerungen, ehe das kleine Paket nicht zugestellt werden konnte. Die Freundin musste es abholen.

Ein weiter Weg, ehe wir beide gejubelt haben: die Freundin über den Raupen-Schal und ich über die gelungene Überraschung.

Vielleicht ist das das Schönste am Stricken 🐛.